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Feldforschung

Methodik

Die Datenerhebung stützt sich auf eine umfassende, "dichte" Dokumentation der Bewegungs- und Entscheidungsmuster traditioneller Jäger während täglicher Jagdausflüge im Untersuchungsgebiet. Dank der Minimierung technischer Geräte in den letzten Jahren können die sekundengenaue Aufzeichnung der GPS-Position und die körperliche Anstrengung der Teilnehmer mit Hilfe von Smartwatches aufgezeichnet werden, welche die Jäger in ihren Bewegungen nicht beeinflussen. Physische Aspekte der traditionellen Jagd sind aber nur ein Element der Dokumentationsarbeit. Ein weiterer Aspekt ist die Dokumentation von Entscheidungen und und Verhaltensweisen. Im Allgemeinen ist die traditionelle Jagd in San-Gemeinschaften die Arbeit eines Teams. Bei den Ju/hoan San besteht eine Jagdgruppe heute in der Regel aus kleinen Gruppen von zwei bis vier Jägern. Techniken des Auffindens und Annäherns von Wild, der Wegfindung, Orientierung und des Umgangs mit Windrichtung, Landbedeckung, Vegetation usw. werden im Team diskutiert und ausgehandelt, was einem Wissenschaftler die Möglichkeit gibt, verbale und nonverbale (z.B. Handgesten, Sandwerfen zur Windrichtungskontrolle usw.) Kommunikation abzugreifen. Diese Entscheidungen werden durch Foto-, Audio- und Videoaufnahmen sowie durch ein digitales Eingabeformular (Open-Source Softare Cybertracker[1][2]) dokumentiert, das auf robusten Outdoor-Smartphones installiert ist. Auch frische Spuren von großen Tieren sowie gesichtetes und gejagtes Wild werden in Cybertracker digital aufgezeichnet, um einen Überblick über die potentielle Jagdfauna in der Gegend zu erhalten.

Bis zu einem gewissen Grad hängen Laufgeschwindigkeit und Wegfindung von physischen Landschaftsmerkmalen ab. Auf einige dieser Aspekte kann über Fernaufnahmen (z.B. Satellitenbilder) erfasst werden, z.B. wenn die Jäger sich dafür entscheiden, in bewachsenen Flussbetten zu laufen, um sich besser vor den umliegenden Ebenen zu verstecken. Andere Faktoren sind müssen vor Ort erfasst werden. Zum Beispiel kann die Begehbarkeit des Untergrundes nur am Ort wahrgenommen werden, und hängt von der Korngröße der Landbedeckung ab. Während das Gehen durch feinen Sand langsamer oder anstrengender sein kann als das Gehen auf hartem kiesigem Untergrund, kann das Gehen über Steine am Hang rutschig und gefährlich werden und damit auch die Gehgeschwindigkeit verlangsamen. Das Hüpfen von einem Felsbrocken zum anderen, einen Hang oder ein kleines Flussbett hinauf oder hinunter, unterscheidet sich wiederum von den vorherigen Bedingungen, und wirkt sich ebenfalls auf die Laufrichtung und -geschwindigkeit aus. Daher werden auch empirische Daten über die Landbedeckung – wann immer sie sich ändert – mit Hilfe der Cybertracker-Software festgehalten.

Saisonalität


Aufgrund der trockenen bis hyperariden Bedingungen in der Namib-Wüste, unserem Untersuchungsgebiet, ist die Saisonalität in Bezug auf die Veränderung der Vegetation nicht allzu stark ausgeprägt. Das Jagdverhalten kann jedoch in verschiedenen Jahreszeiten je nach der Präsenz von Wild und Wasser variieren. Daher ist die Feldarbeit so angelegt, dass sie sowohl in der Trockenzeit (Datenaufnahme Trockenzeit 2019) als auch in der Regenzeit (Datenaufnahme Regenzeit 2020) stattfindet.

Exemplarischer Ablauf eines Jagdtages

Vorbereitung


Wenn die Zeit zwischen den Geräten synchronisiert war (Technische Ausrüstung), wurden die Teilnehmer mit Brustgurten und Smartwatches ausgestattet. War jeder Teilnehmer voll ausgerüstet, so wurden die Smartwatches in den "Work-out" Modus gesetzt, wodurch eine kontinuierliche sekundengenaue GPS- und Herzfrequenzmessung initiiert wird. Während die Smartwatches die GPS-Konnektivität erwarben, wurden auch die Ortungsdienste auf den Smartphones gestartet, um CyberTracker zu betreiben. Sobald die Smartphones ordnungsgemäß ein GPS-Signal erfasst hatten, wurde CyberTracker gestartet und die Teilnehmer waren einsatzbereit.

Suche nach Jagdwild

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Die Jagd ist besonders erfolgreich, wenn man mehrere Strategien gleichzeitig verfolgt. Das Suchen und Verfolgen frischer Spuren ist eine Strategie. Eine andere ist die Suche auf Sicht. Ist eine Gegend etwas reicher an Vegetation, so stehen Tiere in heißen Regionen gerne alleine oder in kleinen Gruppen im Schatten von Bäumen und Sträuchern. Man ist also erfolgreicher, wenn man gleichzeitig die Ferne nach Jagdwild und die nähere Umgebung nach frischen Spuren absucht. Eine regelmäßige Kontrolle der Windrichtung ist notwendig, damit Tiere in Laufrichtung die Jäger nicht riechen bevor die Jäger sie sehen können. Zudem spielt in Gegenden mit ausgeprägter Topographie oder Vegetation zusätzlich die Orientierung eine wichtige Rolle, da man den Heimweg nicht aus den Augen verlieren darf.

Eine Person kann all dies kaum alleine bewältigen. Daher gehen die Ju/hoan San aus der Nyae Nyae Region in kleinen Gruppen von 2 bis 4 Personen auf die Jagd. Während der Suche nach Jagdwild geht die Gruppe in kurzem Abstand hintereiander. So können mehrere Personen die Ferne nach Tieren und gleichzeitig die nähere Umgebung nach frischen Spuren absuchen.

Bleiben sie dicht hinterenander und das Jagdwild vor ihnen bemerkt die Jäger zuerst, so sieht das Tier nur einen Menschen und nicht mehrere. Bewegt sich die Gruppe dabei langsam und bleibt stehen oder duckt sich rechtzeitig, so nimmt das Tier sie gar nicht wahr. Wird die erste Person doch als Mensch erkannt und mit den Augen fixiert, so können die hinteren Jäger sich ducken und langsam aus der Reihe schleichen, um das Tier von der Seite anzugreifen. Beim Anschleichen ist verbale Kommunikation nicht mehr möglich, da sich die Jäger schnell als Mensch verraten würden. Daher werden ganz bestimmte Gesten und Pfeifsignale eignesetzt. So hat auch jedes Tier sein eigenes Handzeichen.

Beim Verlassen des Lagers am Morgen bestand die erste Jagdaktivität darin, nach Wild zu suchen. Im Doro !nawas-Gebirge ist die Vegetation so spärlich, dass die Sicht oft nur durch topographische Gegebenheiten eingeschränkt ist. Nicht nur der menschliche Jäger profitiert von dieser offenen Landschaft, sondern auch das potentielle Jagdwild, das über große Entfernungen potentielle Angreifer ausmachen kann. Die Vegetation spielte daher bei den Jagdstrategien eine doppelte Rolle. Einerseits war es an Orten ohne Vegetation nicht möglich, sich dem Wild auf Schussdistanzen zu nähern. Andererseits erwiesen sich vegetationsreichere Regionen als die üblichen Weideflächen der Antilopen, dem Hauptjagdwild der Fährtensucher. Sträucher und mittelgroße Bäume kommen im Untersuchungsgebiet in der Regel entlang der trockenen Flussbetten vor, die das Gebiet entwässern.

Wenn es sich bei einem vegetationsreichen Ort um ein breites und flaches Gebiet handelte, wurde es den ganzen Tag lang abgesucht. Wenn ein trockenes Flussbett lang und schmal war, wurde gelegentlich ein Wechsel zu einem anderen trockenen Flussbett durch Überqueren von Zwischenkämmen vorgenommen. Auf diese Weise gelang es den Fährtenlesern, sich nicht zu weit vom Lager zu entfernen. Da das Untersuchungsgebiet für die Fährtensucher jedoch fremd war, war die Überquerung von Zwischenkämmen mit etwas höherem Risiko verbunden, vorübergehend die Orientierung zu verlieren.

Bildergalerie: Suche nach Jagdwild

Anschleichen und Abschuss
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  • Großansicht: Anschleichen an Oryx 1
    Zwei Jäger warten im Schatten eines Baumes auf eine Gegelenheit, um sich an eine Oryx Antilope anschleichen zu können.
  • Großansicht: Anschleichen an Oryx 2
    Wenn die Gelegenheit günstig ist schleicht sich ein Jäger mit der Kamera an den Oryx heran.
  • Großansicht: Abschussfoto
    Erfolgreicher "Abschuss": Der Jäger hat sich auf Schussdistanz an den Oryx angeschlichen (ca. 50 m), der Oryx bemerkte den Jäger erst nachdem das Foto geschossen war.
  • Großansicht: Dokumentationsfoto
    Nach erfolgreichem "Abschuss" mit der Kamera, werden die Abschussposition (hinter dem Strauch am oberen Bildrand) und die Position des Tieres (frische Spuren im Vordergrund) fotografisch dokumentiert und GPS Koordinaten genommen, um die Position von Jäger und Wild festzuhalten.

Wurde die Fährte eines Tieres bis zum Sichtkontakt verfolgt oder ein Tier zufällig gesichtet – wobei letzteres aufgrund der spärlichen Vegetation etwas häufiger vorkam –, wurde die Jagdstrategie sofort geändert. Sofortiges Anhalten, Niederkauern, oder mit dem Schatten eines Busches oder Baumes verschmelzen, erhöhte die Wahrscheinlichkeit, vom Wild nicht gesehen zu werden. Wenn das Wild die Anwesenheit der Jäger nicht bemerkt hatte, trennten sich ein oder zwei Fährtensucher von der Gruppe und näherten sich ihm, je nach Windrichtung entweder direkt, oder auf größeren Umwegen. Der Rest der Gruppe (meist die dokumentierende Person|en) versteckte sich in der Zwischenzeit und wartete auf die Rückkehr der Jäger.

Die Forschungsziele beruhen aber auf der Dokumentation der Mobilitätsmuster und nicht auf Jagderfolg. Der erfolgreiche Abschuss eines Tieres hatte daher eher symbolischen Charakter und diente dazu, den Bezug zu realen Jagdsituationen zu untermauern. Jagderfolge werden daher auf folgende Weise dokumentiert: bei der Annäherung an das Wild musste die Gruppe abschätzen, wann die Nähe zum Tier ausreichte, um einen Pfeil abzuschießen. Das "Abschießen des Tieres" erfolgte dann mit einer staubgeschützten, robusten GPS-Kompaktkamera (Olympus TG-5, Olympus TG-1) durch Aufnahme eines Fotos, anhand dessen die Erfolgswahrscheinlichkeit im Nachhinein eingeschätzt werden konnte. Auch wurde die GPS-Position des Abschusspunktes mit einem GPS gestützten Eintrag in Cybertracker notiert. In Fällen, in denen die Jagd hätte erfolgreich verlaufen können, begab sich die Jagdgesellschaft zu der Stelle, an der das Tier gestanden hatte, und machte dort ein weiteres Foto auf dem die Spur des Tieres aufgenommen wurde, wiederum zusammen mit einer GPS-Koordinate.

Bildergalerie: Anschleichen an Jagdwild und erfolgreiche Jagden

Beendigung der Jagd


Den Fährtensuchern zufolge würde in realen Jagdsituationen ein durch einen Giftpfeil verletztes Tier weglaufen, sich von der Gruppe trennen und innerhalb einiger Minuten oder mehrerer Tagen sterben, je nach Tierart (Körpergröße) und getroffenem Körperteil. Dem Pfeilgift vertrauend, wird ein betroffenes Tier nicht weiter verfolgt, sondern in Ruhe gelassen, um zu verhindern, dass es sich auf der Flucht unnötig weit entfernt. Daher kehren die Fährtensucher in realen Jagdsituationen einige Stunden oder ein bis zwei Tage später an den Ort zurück, an dem ein Tier erlegt wurde, um seiner Spur bis zu dem Ort zu folgen, an dem es schließlich starb. Bei den virtuellen Jagden wurde diese Jagdstrategie vernachlässigt, da die Tiere zwar wegliefen, aber nicht vergiftet wurden. Deshalb wurde immer dann, wenn ein Tier erfolgreich mit der Kamera "erlegt" wurde, der Jagdausflug beendet und der Heimweg eingeleitet.

Wurde während des gesamten Tages kein potenzielles Jagdwild gesehen, oder war es nicht möglich ein Tier zu schießen, so wurde zu gegebener Zeit von den Jägern der Rückweg eingeleitet. Häufig wurde hierfür nur leicht die Richtung geändert, so dass man in einem großen Bogen zum Camp zurück ging. Es kam aber auch vor, dass die Beendigung des Jagdtages verkündet und auf direktem Wege der Rückweg eingeleitet wurde.

Bildergalerie: der Heimweg

Datenformate


Trotz der großen Anzahl unterschiedlicher Dokumentationswerkzeuge (Technische Ausrüstung) ist die Anzahl der Datenformate vergleichsweise gering. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sich das Open-Source-Dateiformat "FIT" markenübergreifend bei Smartwatches durchgesetzt hat. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch Cybertracker, das eine SQL-Datenbank erzeugt, die als Microsoft Access-Datei gespeichert wird. Wichtig ist, dass die Installation der proprietären Datenbanksoftware Microsoft Access keine Voraussetzung für die Analyse der resultierenden Daten ist, da die Open-Source Software Cybertracker das Öffnen, Filtern, Nachbearbeiten (Modifizieren) und Exportieren der gesammelten Daten erlaubt. Zu den unterstützten Exportdateitypen gehören offen zugängliche kommagetrennte Textdateien für Tabelleneinträge und ESRI Shapefiles für Tracks und Wegpunkte:

 
Gerät Dateiformat
Smartwatch FIT
Kameras, GoPro RAW, JPG
Cybertracker SQL,CSV,SHP

 

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Literatur

  1. Liebenberg, L., Steventon, L., Benadie, K., Minye, J., 1999. Rhino tracking with the CyberTracker field computer. Pachyderm 27, 59–61.

  2. Ansell, S., Koenig, J., 2011. CyberTracker: An integral management tool used by rangers in the Djelk Indigenous Protected Area, central Arnhem Land, Australia. Ecological Management & Restoration 12, 13–25. DOI: 10.1111/j.1442-8903.2011.00575.x